Reiturlaub in Irland
Kilometerlange leere Sandstrände und kleine Dörfer mit geruhsamem Lebensstil, ein Gefühl von Freiheit: Irland gilt manchen Reitern als eine Art Paradies. Deshalb baute Tilman Anhold seine Pferdefarm nicht in Deutschland, sondern in Irland auf. 1973 siedelte er von Celle nach Sligo über und gründete seinen Hof an der irischen Westküste. «In Deutschland gibt es zu viele Gesetze», sagt der 61-Jährige. Vor lauter Regelungen komme man kaum zum Reiten. Am Strand von Streedagh ist die einzige Grenze die schmale Naht am Horizont, die den Atlantik vom Himmel trennt. Beim Anblick der leeren Weite blähen die Pferde ihre Nüstern auf. Voller Freude auf das, was jetzt kommt, scharren sie aufgeregt im Sand. «Let's go», ruft die Gruppenführerin, und Sekunden später spürt man, wie sich das Pferd in einen ausgelassenen Galopp legt, während einem selbst ein salziger Meerwind um die Nase zieht. Die Hufe des Vordermanns wirbeln hohe Sandböen auf. Spätestens nach zwei Minuten hat sich die Gruppe über den breiten Strand verteilt.
Sie kommt dort wieder zu stehen, wo der Strand in die Dünen übergeht. Schwitzende Reiter tätscheln die nassen Hälse ihrer Pferde. Rundum blickt man in Gesichter, die das irische Reitgefühl zum Ausdruck bringen: Glück. Eingebettet in eine Natur-Kulisse aus Sand, Meer und Himmel, die - je nach Wetter - durch sich sonnende Robben ergänzt wird, wirkt die Szene fast unwirklich. Den Gelegenheitsreiter erinnert das Ziehen in den Beinen an die Realität.
Für viele wird die Reiterfahrung in Irland eine Sucht. Selbst wenn sie zu Hause eigene Pferde haben, können sie der irische Versuchung kaum widerstehen. «Die Freiheit, die man hier hat, ist schon einzigartig», sagt ein Reiturlauber aus Deutschland. Wenn es in Irland Gesetze gibt, dann solche, die den Pferden im Zweifel den Vorrang lassen: Verlieren sich Autofahrer auf Landstraßen, auf denen auch Reiter unterwegs sind, halten die Fahrzeuge an.
«Pferde gehören von jeher zu unserem Leben», sagt Colin McClelland vom Irischen Reiterverband. Die Nähe der Iren zu ihren Pferden habe ihren Ursprung in der landwirtschaftlichen Tradition Irlands. Keltische Legenden greifen noch weiter: Sie machen die Pferde zu dem einzigen Verbindungsglied zwischen dem irischen Festland und «Tír na nÓg», einem imaginären «Land der ewigen Jugend» westlich von Irland. Nur den Pferden sei es möglich, das Wasser zu überqueren, in die Wellen abzutauchen und die Ufer von «Tír na nÓg» zu erreichen.
Im Irland des Jahres 2004 tragen die Pferde den Reiter zwar nicht über das, aber immerhin durch das - flache - Wasser. Eine Ahnung vom Paradies vermitteln sie trotzdem: Wenn man im Schritt durch die pralle irische Landschaft gleitet - unter einem das Klacken der Hufe, über einem ein strahlender Himmel -, dann wirkt die Welt erfreulich friedlich. Spätestens nach dem ersten Muskelkater gesellt sich dazu ein körperliches Wohlbefinden, das manche seit Jahren vermissen. So stellt beispielsweise Keith aus England voller Entzücken fest, dass er sich fühlt wie als 16-jähriger Junge, als er selbst noch ein Pferd besaß. Und das war vor rund 40 Jahren.
Die einzige Hürde beim Reiturlaub in Irland ist die Qual der Wahl. Zwischen dem weitläufigen Nordwesten, den Naturparks im Landesinnern und dem belebten Südosten bieten mehrere Dutzend Höfe und Farmen verschiedene Möglichkeiten: Die Offerten reichen von Tagesausritten über Wochenritte bis hin zu einer Kombination aus Sprach- und Reiturlaub. Manche Höfe drücken einem Pferde und Karten in die Hand, so dass man ganz auf sich selbst gestellt ist. Auch auf Kutschen oder im Ferienhaus mit «eigenen» Pferden im Garten kann der Pferdefan seinen Urlaub verbringen.
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