"Von Ackerbau und Viehzucht kann ich nicht mehr leben" Die Kuh ist nur noch da, damit die Kinder vom Reiterhof wissen, wie so was aussieht", sagt Bauer Wolfgang Stark und zeigt auf das Tier, das etwas abseits unter dem Vordach liegt. Von Ackerbau und Viehzucht allein kann der 58jährige Landwirt schon lange nicht mehr leben. Die EU-Agrarreform im Rahmen der Agenda 2000 trifft ihn ebenso hart wie die meisten anderen der knapp 500.000 Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland.
Dabei hat Stark schon vor über 20 Jahren umgesattelt und neue Einnahmequellen erschlossen. 1978 begann er damit, die Kuh- und Schweineställe auf seinem Hof in Niederursel am Rande von Frankfurt umzubauen und dort Pferde einzuquartieren. In seiner Pensionspferdehaltung können Städter ihre Pferde unterstellen und verpflegen lassen. Seine Frau führt den kleinen Laden im Haus, wo sie im Direktverkauf Eier und Kartoffeln anbietet. "Diese beiden Geschäfte laufen gut", sagt Stark.
Zusammen mit seinem Sohn und einem Mitarbeiter bewirtschaftet er den Hof, der rund 75 Hektar Nutzfläche umfaßt. Vor allem Weizen baut er an, außerdem Gerste, Raps, Kartoffeln und Zuckerrüben. Damit müßte er nach Ansicht des Bundeslandwirtschaftsministeriums sogar noch zu den Gewinnern der EU-Agrarreform gehören, die je nach Betriebsform und Region für unterschiedliche Einkommensentwicklungen sorge. Insgesamt sind dem Ministerium zufolge die Gewinne der deutschen Landwirte im Geschäftsjahr 1998/99 aber um zwei bis sechs Prozent zurückgegangen.
Der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses im Deutschen Bundestag, Peter Carstensen, geht sogar davon aus, daß sich die negative Einkommensentwicklung infolge der Agrarreform noch verschärfen wird. "Die Agenda kann von vielen Bauern nicht mehr getragen werden. Das ist so, als würde man einem Arbeitnehmer drei Monatsgehälter wegnehmen", sagt der CDU-Politiker.
Bauer Stark rechnet für das laufende Geschäftsjahr mit einem Rückgang des Betriebsgewinns um mindestens 12.000 Mark. Besonders schlimm sei es beim Weizen. Um mindestens 142 Mark pro Hektar gehe hier der Ertrag zurück. Ausgleichen will Stark den Einnahmerückgang, indem er an Pflanzenschutzmitteln spart. Aber das sei natürlich auch ein Risiko. "Die Pflanzen sind anfälliger, und natürlich fällt auch die Ernte geringer aus", sagt er.
Die niedrigere Einnahmen wegen der Agrarreform schmerzten umso mehr, als gleichzeitig die Produktionskosten in Deutschland stiegen, klagt Stark. Die Streichung der Dieselbeihilfe, die das Sparpaket von Bundesfinanzminister Hans Eichel vorsieht, sei da besonders ärgerlich. Stark rechnet mit zusätzlichen Ausgaben von 5.000 Mark. Mehrkosten, die er nicht einsieht: "Wie kann man EU-einheitliche Preise fordern, wenn ein französischer Bauer mit Heizöl für 40 Pfennig fährt und ich in Deutschland für Diesel 1,10 Mark bezahlen muß?"
Enttäuscht ist Stark von Bundeskanzler Gerhard Schröder und dessen Auftritt auf dem Deutschen Bauerntag in Cottbus Anfang Juli. Der Kanzler sei überhaupt nicht auf die Probleme der Bauern eingegangen. "So kann man vor so vielen Leuten nicht reden." Schröder hatte das Sparpaket seiner Regierung gegen lautstarke Proteste der Bauern verteidigt und lediglich angeboten zu prüfen, ob die angekündigten Kürzungen an anderer Stelle im Agrarhaushalt vorgenommen werden könnten.
Der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes, Wilhelm Niemeyer räumt ein, daß mit den Beihilfen in der Vergangenheit die Illusion genährt worden sei, ein Bauer könne seine Existenz auf jeden Fall sichern. Der eine oder andere wäre jedoch besser im eigenen Interesse bereits ausgeschieden. Das Tempo des Strukturwandels in der Landwirtschaft werde sich in der nahen Zukunft erheblich verschärfen. Er könne sich vorstellen, daß dann etwa doppelt so viele Landwirte aufgeben würden wie bisher, sagte Niemeyer.
Noch mindestens sieben Jahre will Bauer Stark arbeiten. Dann ist er 65 und wird den Hof an seinen Sohn Martin übergeben. Sechs Bauernhöfe gibt es noch in Niederursel. Martin Stark ist der einzige junge Bauer im Dorf, der den elterlichen Hof übernehmen wird. "Ich bin halt hier groß geworden", sagt der 23jährige.
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