In einem vergessenen Winkel Bosniens stehen 58 Pferde in ihren Stallungen und haben kaum noch Futter. Doch hier in Prnjavor im serbisch kontrollierten Nordosten des Landes, das durch Kriegsfolgen gebeutelt und von Entbehrungen gezeichnet ist, erweicht eine solche Nachricht kaum noch die Herzen. Selbst dann nicht, wenn es sich bei den Tieren um die Krone der Pferdezucht handelt: die berühmten Lipizzaner, jene mittelgroßen, muskulösen Schimmel, die nach einem 1580 von dem östereichischen Erzherzog Karl gegründetem Gestüt in Lipizza bei Triest ihren Namen tragen.
Nur weniger als ein Viertel der 40 Tonnen Futter, die eine internationale Lipizzaner-Vereinigung zur Verfügung gestellt habe, lagerten noch in der Scheune, sagt die Leiterin des Gestüts, Radica Sandic. "Nicht genug, um den Winter zu überstehen". Mit einer handvoll Unermüdlicher kämpft sie um die Zukunft der Rassepferde. Die banale Realität, die diese seltenste und berühmtesten Zuchtpferde der Welt einzuholen droht, schmerzt sie sehr. Die Zukunft des kleinen Gestüts am Fluß Ukrina ist so dunkel wie die Lippizaner-Fohlen in den ersten fünf Jahren ihres Lebens.
An allen Ecken und Enden fehlt es immer nur an einem: Geld. Sandic und ihre acht Stallmeister haben seit beinahe drei Jahren keine Löhne mehr gesehen, die darbende Wirtschaft macht den Verkauf von Pferden unmöglich. Sie können den den Tierarzt, die Medikamente, selbst die notwendigsten Reparaturen an den maroden Gebäuden nicht mehr bezahlen. Dabei verschlingt allein schon die Tierhaltung ohne Futterzusätze und Arztgebühren umgerechnet rund 70.000 Mark im Jahr. Kein Verkauf könnte diese Kosten decken. Die letzte erfolgreiche Veräußerung datiert ohnehin von 1992, dem Jahr des Kriegsbeginns.
Im 40 Kilometer entfernten Banja-Luka, der Hauptstadt der bosnischen Serbenrepublik in Bosnien, stoßen die Hilferufe auf taube Ohren. Obwohl das Gestüt seit seiner Gründung 1946 Staatseigentum ist. Doch welche Staatsmacht in dem in zwei Gebilde - die serbische Republik und die moslemisch-kroatische Föderation - geteilten Land sollte helfen?
Aber in Prnjavor wollen sie sich dem Schicksal nicht ergeben, hieße das doch, einer Lebensaufgabe zu entsagen. Mancher Stallmeister arbeitet schon seit 25 Jahren hier. Sveto Colic etwa trat seinen Dienst an, als der stallälteste Hengst Sitnica gerade zur Welt kam. Kerngesund und mit glänzendem Fell verbringt Sitnica heute einen glücklichen Pferdelebensabend in einer ruhigen Box. Die Zuchtstuten und acht Zuchthengste dieses Jahres sind auf der Weide. In den Ställen stehen weitere sechs Hengste in ihrem weißen Kleid, das im Carre der spanischen Hofreitschule in Wien zu Weltruhm gelangte.
Das Gutachten einiger Lipizzaner-Experten, die im April nach Prnjavor kamen, bezeugt den Rang des Gestüts. Die Fachleute prüften die Bücher, begutachteten die Pferde und bestätigten schließlich den Titel "Zuchtstall", berichtet Oberstallmeister Pero Fudjinato. Die Pferde werden außer in Lipizza nur in \sterreich, Slowenien, Ungarn und in geringem Umfang auch in anderen europäischen Ländern gezüchtet. Die Not in Prnjavor kann ein solcher Titel jedoch nicht mildern.
Angesichts dessen setzt das Gestüt seine ganze Hoffnung auf Hilfe aus dem Ausland. Eine junge Österreicherin sammelte bereits durch einen Spendenaufruf über 7000 Mark. Zwei britische Tierärzte der in Bosnien stationierten Nato-Verbände besuchten den Stall boten und für zwei Jahre Medikamente auf Vorrat an. Und das Lippizaner-Museum in Wien bittet seine Besucher seit Wochen um Spenden für ein anderes notleidendes Gestüt in Vucijak.
"Es ist nicht einfach, um Hilfe zu bitten. Manchmal schäme ich mich, wenn ich gefragt werde, was uns fehlt. Denn es mangelt einfach an allem", sagt Gestütsleiterin Sandic. Sie bekomme auch kluge Ratschläge zu hören - zum Beispiel auf dem Gut Champignons züchten, ein Restaurant oder einen Freizeitpark eröffnen. Traurig fügt sie hinzu: "Aber die Pferde können solange nicht warten."
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